Ai Iwane (geb. 1975) ist fasziniert von den traditionellen Bon-Tänzen, insbesondere dem „Fukushima Ondo“, die in den japanischen Einwanderer-Communities auf Hawaii überlebt haben. Im Jahr 2006 begann sie, die Insel unzählige Male zu besuchen – eine Reise zwischen Raum und Zeit –, die zwölf Jahre dauerte. Die Fotos, die sie während dieser Reise aufgenommen hat, sind in dem 2018 bei Seigensha erschienenen Fotobuch„KIPUKA“zusammengefasst.
Dieses Foto fällt auf den ersten Seiten des Fotobuchs sofort ins Auge. Die menschlichen Figuren und ihre Gesichtsausdrücke sind in Dunkelheit und grünem Nebel verborgen; bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass auch Pflanzen und der Boden in dem seltsamen grünen Nebel dargestellt sind. Es handelt sich hierbei nicht um eine Doppelbelichtung, bei der das Familienporträt und das Laub zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufgenommen wurden, sondern um ein Foto, das auf andere Weise entstanden ist: Iwane projizierte das Foto einer japanischen Einwandererfamilie aus Hawaii auf das dichte Laub einer Zuckerrohrplantage und fotografierte die daraus resultierende Verschmelzung der Texturen. Da die Zuckerrohrblätter in der Langzeitbelichtung schwankten und verschwammen, verschmolzen die menschlichen Figuren und die Blätter zu einem Ganzen; das Foto vermittelt eine eindringliche Vision, als würde die Familie als Geister in der Plantage erscheinen.
Ai Iwames Entscheidung, die Geister dieser Menschen in einer Zuckerrohrplantage zu beschwören, basiert auf ihren tiefen Einblicken in die Geschichte der japanischen Einwanderer auf Hawaii. Die Zuckerrohrproduktion wurde im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Wirtschaftszweig in Hawaii. Als sich das Zuckerrohr über den gesamten hawaiianischen Staat ausbreitete, wurden Arbeiter aus vielen verschiedenen Ländern – darunter Japan, China, Portugal, Korea und die Philippinen – importiert, um auf den Plantagen zu arbeiten. Im Laufe des 20. Jahrhunderts verlor der Zuckerrohranbau allmählich an Bedeutung. Aber die Plantagen, die von den Einwanderern angelegt und bewirtschaftet wurden, sind für immer geprägt von den Familien dieser Menschen, den Communities, die sie geschaffen haben, und den Geschichten über das Zurücklassen ihrer fernen Heimatländer. Durch die Projektion des Familienporträts regt Iwane die Fantasie an und weckt den Gedanken, dass ihre Seelen vielleicht noch immer in diesen Ländern leben und atmen, und sie hebt hervor, wie sehr Mensch und Natur miteinander verflochten sind.
Wenn wir darüber hinaus bedenken, dass das Zuckerrohr, auf das das Familienporträt projiziert wurde, eine essbare Pflanze ist, die eines Tages geerntet und zu Lebensmitteln verarbeitet wird, sind diese Phantome mehr als nur ein Bild eines vergangenen Lebens; sie sind auch eng mit der Quelle zukünftigen Lebens verbunden.
Der Titel des Fotobuchs, „KIPUKA“, ist das hawaiianische Wort für „Ort des neuen Lebens“. Knospende Pflanzen, Land, auf dem neues Leben wächst, die Vergangenheit und Zukunft von Menschen, die mit beidem tief verbunden sind – in diesem Bild erkennen wir Iwames Absicht, genau hinzuschauen und die Spuren zu finden, die verschiedene Zeiten und Räume miteinander verbinden.
Mika Kobayashi
Tätig in vielen Bereichen, darunter Vorträge und Workshops zu japanischer und internationaler Fotografie, Ausstellungsplanung und Beiträge für Zeitschriften.