Würdevolle Porträts stolzer Handwerker
Text: Taka Kawachi
25.07.2018
Irving Penn (1917–2009) begann seine Karriere als Fotograf im Jahr 1943. Fast 60 Jahre lang beschäftigte er sich mit Porträt-, Mode- und Stilllebenfotografie und wurde zu einem der renommiertesten Fotografen des 20.
Eine bemerkenswerte Serie aus seiner frühen Karriere trägt den Titel „Small Trades” (Kleingewerbe). Der Titel bezieht sich auf Bäcker, Feuerwehrleute, Strassenreiniger und andere Handwerker der Stadt. Penn begann die Serie 1950 in Paris im Auftrag des Magazins Vogue und beendete sie 1951.
Der Fotoband, der anlässlich einer Ausstellung im John Paul Getty Museum in Los Angeles (September 2009 – Januar 2010) veröffentlicht wurde, enthält 206 Porträtfotos von Facharbeitern in den drei Städten und zeigt die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen auf.
Irving Penn, Small Trades Herausgegeben vom J. Paul Getty Museum, 2009 ©J. Paul Getty Trust
Penn soll sich von der Serie „Petit Métiers“ (wörtlich „Kleingewerbe“) von Eugène Atget inspirieren lassen haben, dem „Vater der modernen Fotografie“, der Paris um die Jahrhundertwende verewigte. Während Atgets Fotografien jedoch ebenso sehr Dokumente der Menschen von Paris wie seiner Strassen und Gebäude sind, unterscheidet sich Penns Serie in ihrer grundlegenden Herangehensweise. Penn lud seine Motive ein, in seinem Studio für ihn zu posieren, wobei sie ihre übliche Arbeitskleidung trugen und die Werkzeuge mitbrachten, die sie für ihren Beruf benötigten. Die entstandenen Fotografien zeigen jedes Motiv in seiner natürlichen, alltäglichen Umgebung und lassen uns den Stolz spüren, den sie für ihre Arbeit empfanden.
Die Fotos wurden vor einem grauen Hintergrund aufgenommen (eines der Markenzeichen von Penn) und ausschliesslich mit Sonnenlicht beleuchtet, das durch das nach Norden ausgerichtete Fenster in das Studio fiel. Der schlichte Hintergrund sorgt für einen brillanten Effekt und betont die charakteristischen Gesten und Ausdrucksformen jedes Motivs – von Metzgern in blutbefleckten Schürzen und Bäckern, die selbstgebackenes Brot in den Händen halten, bis hin zu Zeitungsjungen und Feuerwehrleuten.
Einigen Quellen zufolge wurden Penns Fotos ursprünglich im Quadratformat aufgenommen, dann aber links und rechts beschnitten, um die Kleidung und die menschlichen Figuren der einzelnen Motive besser zur Geltung zu bringen. Auf jeden Fall sind dies Fotos, die voller Entdeckungsmöglichkeiten stecken. Allein schon beim Betrachten der abgetragenen Kleidung oder der ramponierten Werkzeuge lassen sich die Gewohnheiten und Lebensweisen der damaligen Zeit erahnen.
Nach Paris fotografierte Penn die Serie mit Arbeitern in London und in seiner Heimatstadt New York weiter, bevor er die Bilder als Serie veröffentlichte und für jedes Foto einen einfachen Titel wählte („Käsehändler, Paris, 1950“, „Zeitungsverkäufer, London, 1950“ oder „Feuerwehrmann in einem Stahlwerk, New York, 1951“).
Bevor man den Fotoband „Small Trades“ aufschlägt, erwartet man vielleicht steife, unnatürliche Posen – schliesslich waren Penns Modelle Amateure –, aber ganz im Gegenteil: Jedes Foto, das man sich aussuchen könnte, zeigt eine entspannte Person mit einem lebhaften Ausdruck, als wäre sie während einer Zigarettenpause eingefangen worden. Die gesamte Serie zeugt von Penns unglaublichem Talent und seiner Sensibilität, diese Momente überfliessender Menschlichkeit zu finden.
Unweigerlich frage ich mich, ob Penn die Möglichkeit gehabt hätte, Tokio in diese Serie aufzunehmen, welche Arbeiter welcher Berufe er ausgewählt hätte und wie er sie dargestellt hätte.
Taka Kawachi
Taka Kawachi verfügt über umfangreiche internationale Erfahrung. Nach seinem Abschluss an der Academy of Art University in San Francisco arbeitete er 15 Jahre lang in New York City als Buchredakteur und Kurator. 2011 kehrte er nach Japan zurück. Im Jahr 2016 veröffentlichte Kawachi sein erstes Buch „Art no Iriguchi (Einstieg in die Kunst)“. Seine Publikationen veranschaulichen seine Erfahrungen mit Kunst und Fotografie und bieten den Lesern die Möglichkeit, sich aus seiner einzigartigen Perspektive mit der Geschichte und den Themen beider Regionen auseinanderzusetzen. Derzeit ist er Direktor der Auslandsabteilung von Benrido in Kyoto, wo er sich für die Verbreitung des klassischen und seltenen fotografischen Verfahrens der Lichtdrucktechnik einsetzt und Portfolios von Saul Leiter, J.H. Lartigue und anderen produziert. Seine neueste Veröffentlichung ist „Artists: Masters of Architecture and Design” (Akatsuki Press).